🔎 A bit of vocabulary can be found at the end of the text

Sibylle stand am Herd, etwas, das so selten war, dass man es eigentlich hätte fotografieren und bei einem National Geographic-Fotowettbewerb für unerwartetste Naturaufnahmen hätte einreichen können. Es war nicht ihr Herd, sondern der von Jan. Sie hatte sich die Kochschürze mit dem süßen Kätzchen drauf, die er ihr in die Hand gedrückt hatte, übergeworfen und briet nun mehrere Sachen, die sie im Kühlschrank gefunden hatte, in einer großen Pfanne an. Eier, Schinken, Tomaten, Reis… Sie hoffte so sehr, dass etwas Leckeres am Ende dabei herauskommen würde. Jan konnte nicht stillsitzen. Er wollte helfen, aber er war immer noch viel zu aufgeregt. Deshalb hatte Sibylle ja auch beschlossen, etwas Essbares aufzutreiben. Sie brauchten beide Nervennahrung.

„Ich hätte wissen müssen, dass sie nicht auf sich aufpassen kann!“, sagte Jan nicht zum ersten Mal. Natürlich wusste er, dass ihn in Wirklichkeit keinerlei Schuld traf. Sie war eine erwachsene Frau gewesen. Aber das half dennoch nichts gegen dieses nagende Gefühl von Schuld, dass Menschen mit Mitgefühl nun mal bedrückt, wenn sie in so eine Situation geraten.

Sibylle dachte an Jans Nachrichten vom Vorabend: „So jemandem wie ihr bin ich noch nie begegnet!“, hatte er geschrieben. „Sie ist so unglaublich naiv! Es ist unfassbar!“

„Ja, ich weiß, wir haben uns noch gewundert, wie jemand wie sie überhaupt durchs Leben kommt“, antwortete Sibylle mit sanfter Stimme, während sie passende Teller suchte. „Ich hoffe inständig, dass ihr nichts allzu Schlimmes zugestoßen ist.“

Erst am nächsten Morgen bekam Martin eine Nachricht von der Krimiautorin. Sie kam nicht im Messenger, nein, es war eine ganze Email.

Hi, Martin!

Ich habe hier die bisherigen Informationen zu Barbie zusammengetragen. Ich hoffe, du kannst damit etwas anfangen. Vielleicht hast du ja eine brillante Idee.

Liebe Grüße, Sibylle

Martin zweifelte daran, dass er hierzu etwas Nützliches beitragen konnte. Es war ihm ja schon ein Rätsel, wie Sibylle überhaupt so etwas von ihm annehmen konnte:

Barbie – eine Tragödie in vermutlich mehreren Akten

Unsere Protagonistin Barbie ist in den USA geboren, wohnhaft in Miami, Florida, wenn man ihren Angaben trauen darf. Blond, stark geschminkt, aufs Äußere bedacht, wirkt sie wie die Personifikation eines Charakterzuges, der vernunftbedachte Menschen in höchstes Erstaunen versetzen kann. Da steht sie, Barbie, am Strand von Miami – Barbie, die Göttin der Naivität.

Barbie hat einen Traum. Sie hat Kurse besucht, um eine Immobilien-Maklerin zu werden. Sie träumt davon, eines Tages eine von diesen superfancy, megateuren Villen, die bald vom Meer verschluckt werden werden, an ebenfalls nicht zur Voraussicht befähigte Menschen zu verkaufen. Und von der Provision würde sie dann ihr Traumleben leben. Plan B wäre eventuell als Schriftstellerin Erfolg zu haben. So viele junge Mädchen könnten von ihrer Weisheit profitieren. Sie könnte Ratgeber verfassen, die jedem unfassbar nützlich wären. Auch ihre Tarot-Karten-Legerin hält das nämlich für eine gute Idee. Und ein total toller Typ am Strand hat ihr erzählt, dass ihre Aura die perfekte Farbe hat, um anderen zu helfen. Auch mit ihrer Reise nach Europa hilft sie anderen Menschen, denn sie gibt Intensiv-Sprachkurse. Geld bekommt sie dafür keines, aber ihre Schüler müssen dennoch kräftig zahlen. Das Geld geht an die Organisation, die das ganze organisiert. Für gemeinnützige Zwecke? Nein, die Organisation nimmt das Geld für sich. Aber sie bezahlt dafür die Reisekosten und die Kosten fürs Hotel? Nope. Aber keine Sorge, Barbie ist sehr intelligent und geschäftstüchtig. Sagt sie.

Natürlich träumt Barbie auch von der Liebe. Und den Erzählungen nach, übt sie auch sehr fleißig in diesen Dingen. So berichtet sie bereitwillig über den „Brasilianer“, der sich nach einiger Zeit doch dazu entschlossen hat, zu Frau und Kind zurückzukehren…; über den „Yogi“, der ihr erzählte, dass sie die Seele eines Huskys hat, aber der den herabschauenden Hund gleichzeitig auch noch mit anderen Schülerinnen trainierte…; über den „Professor“, der angeblich ein Intelligenz-Experte war und ihr unfassbar intelligente Bücher zu lesen gab –  Bücher wie „8 spirituelle Wege, sich im Leben zurechtzufinden“ und „Mut zum Erfolg – die 10 wichtigsten Formeln, die erfolgreiche Menschen, erfolgreich machen“ und „10 geniale Dinge, die Genies genial machen“ –  der aber ihre Beziehung nicht öffentlich machen wollte; der „Tauchlehrer“, der nach einer heißen Nacht unerwartet abtauchte; der „Gärtner“, der ihr das Paradies versprach, doch schon bald darauf wegen eines Überfalls verhaftet wurde, und so fort…

Aber die Polizei war natürlich am meisten an dem Mann interessiert, der gute Chancen hatte, als „der Wiener“ Teil ihres romantischen Geschichtenzyklus’ zu werden. „Liebe auf den ersten Blick“, hat sie erzählt. Ja, endlich hatte sie die wahre Liebe gefunden! Sie hat ihren Flug nachhause storniert, überlegt, wie sie in Wien Arbeit finden kann, den Rest ihres Lebens mit ihm geplant… Und dann hat dieser Kerl mit ihr Schluss gemacht. Wann sie den Kerl kennengelernt hat, fragst du? Oh, vor einer Woche! Woher sie dann wusste, dass er „die Liebe ihres Lebens“ war, wunderst du dich? Nun, ihre Freundin hat für sie in den Sternen gelesen und deshalb wusste sie, dass sie auf ihrer Europa-Reise einen wichtigen Mann kennenlernen würde – einen Mann, der Löwe als Sternzeichen hat!

Wer würde nicht sein Schicksal in die Hand einer Prophezeiung legen, die nur auf die Kleinigkeit von einem Zwölftel aller Männer zutreffen kann?

Als Jan, der klugerweise darauf verzichtet hat, ihr sein Geburtsdatum zu verraten (Tipp: er hat im Sommer Geburtstag und sein Sternzeichen ist eine Großkatze, die man in Zoos und der Savanne Afrikas finden kann), sie das letzte Mal sah, hatte sie vor, sich mit der Freundin einer Freundin zu treffen. Sie freute sich schon sehr darauf, da besagte Person wohl eine wahre Expertin auf dem Gebiet der Kräuterheilkunde sein sollte.

Wir wissen immer noch nicht, warum die Polizei so besorgt gewirkt hat. Die Stimmung ist bedrückend.

Fortsetzung folgt

die Kochschürze: cooking apron

geschminkt: wearing make up

vernunftbedacht: vernünftig; rational thinking

die Voraussicht: foresight

befähigt: capable

mit jemandem Schluss machen: to break up (a romantic relationship)

die Prophezeiung: prophecy

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